Probleme die nach der Reha auf einen zukommen

Text ©2010, Sabine Schleppy, Dipl.-Pädagogin

Es ist wichtig, Menschen mit erworbener Hirnschädigung auf Dauer zu fördern und letztlich wieder ins Leben zu integrieren.

Oftmals kehren Menschen mit erworbener Hirnschädigung nach dem Aufenthalt in der Reha-Klinik zurück in ein Leben, in dem sie nicht mehr ohne weiteres zurechtkommen.
Die gesamte Lebenswelt des Betroffenen und seiner Familie ist den Folgen des Ereignisses unterworfen. Die Rückkehr in die alte Wohnung, den Beruf, die Ausübung gewohnter Hobbys – alles das kann unmöglich geworden sein.

Die gewohnten Familienrollen können nicht mehr ausgefüllt werden. Auch die Paarbeziehung ist aufgrund veränderter Rollen nicht mehr die gleiche. Freunde und Bekannte ziehen sich oftmals zurück. Soziale Isolation droht.
Hinzu kommen fast immer finanzielle Sorgen. Oftmals zerbrechen die Familien an diesem scheinbar unüberwindbaren Schicksal.

Manche Betroffene sehen bald keinen Sinn mehr in ihrem Dasein. Vor allem dann, wenn es nach einer gewissen Zeit keine auffällige Weiterentwicklung mehr gibt und das Leben keine attraktive Perspektive mehr bietet. Die bisherige Biografie hat einen Bruch erlitten. Die eigene Identität muss unter den neuen Rahmenbedingungen neu erfunden und neu definiert werden.

Das gelingt jedoch erst, wenn die neuen Lebensumstände toleriert werden können und eine angemessene Krankheitsbewältigung stattgefunden hat. Dann wird irgendwann eine Öffnung für neue Interessen, Freunde und realistische Zukunftsvisionen möglich.
Inwieweit dies gelingt, hängt von vielen Faktoren ab: Auswirkungen und Grad der Hirnschädigung, subjektives Empfinden bzgl. eigener Handlungsspielräume, Charakter und Lebenseinstellung des Betroffenen, Motivation, realistische Selbstwahrnehmung usw.

Für diese schwierige Aufgabe ist nicht nur der Betroffene, sondern sein gesamtes Lebensumfeld gefordert, an welches er/sie sich neu anpassen muss. Ein wertschätzendes und wohlwollendes Umfeld ist hierfür grundlegend.
Die Familien sind mit all diesen Veränderungen und neuen Aufgaben allein gelassen und überfordert. In Deutschland existiert leider kein System der Nachsorge. Es gibt zwar verschiedene Hilfsangebote, jedoch keine Stelle, die diese adäquat und zielgerichtet koordiniert.

Besonders dramatisch ist es für jüngere Betroffene, die in Altenheimen oder Einrichtungen für geistig Behinderte vor sich hin vegetieren, da es keine passenden Angebote gibt oder dort einfach gerade ein Platz frei war als die Entlassung aus der Reha anstand.
Beispielsweise eine 45jährige Aphasikerin mit Halbseitenlähmung, die in einer Demenz-WG leben muss.

Eine Weiterentwicklung im Genesungsprozess kann jedoch nur durch langfristige Förderung erreicht werden. Menschen mit erworbenen Hirnschäden dürfen auf keinen Fall sich selbst überlassen, unterfordert sein oder gar medikamentös ruhig gestellt werden.

Entscheidung der Wohnform

Bereits während der Reha stellt sich die Frage, wie das Leben weitergestaltet werden kann. Es ist dringend notwendig, eine umfassende Beratung durch die behandelnden Ärzte und den Sozialdienst anzubieten. Die Vor- und Nachteile sämtlicher Möglichkeiten müssen durchdacht und finanzielle Folgen mitgeteilt werden.

Ist das Leben in den eigenen vier Wänden möglich? Muss eine neue Wohnung gesucht werden? Ist es sinnvoller zunächst in eine spezielle Einrichtung zu ziehen?

Es gilt zwar ambulant vor stationär, jedoch ist dies nicht immer so leicht umzusetzen. Drei Beispiele:

- absaugpflichtiges Tracheostoma: In Berlin benötigt ein Pflegedienst für Intensivpflege 6 – 12 Monate, um ein Team zusammenzustellen.
- schwere kognitive Störung mit aggressivem Verhalten und /oder Hinlauftendenz: es muss gewährleistet sein, dass 24h eine Beaufsichtigung erfolgt.
- Alleinlebende Aphasiker


Es ist enorm wichtig, dass Menschen mit erworbenen Hirnschäden wieder sinngebende Tagesstrukturen erfahren und nach und nach lernen den Alltag zu meistern und ihre Autonomie zu erlangen.

Das kann in speziellen Tagesstätten (z.B. Alessia, VSI) oder in stationären Einrichtungen geschehen, aber auch zuhause in der eigenen Wohnung im sogen. Betreuten Wohnen.
Es wird dabei zwischen Pflegeangeboten (SGB XI, SGB XII Kapitel 7) und Angeboten der Eingliederungshilfe für Behinderte (SGB XII Kapitel 6) unterschieden.

Steht bei einem Menschen die Pflegebedürftigkeit im Vordergrund, ist es u.U. sinnvoller nach einer Pflegeeinrichtung zu suchen, da hier das Personal eher auf die Pflegetätigkeit ausgerichtet ist, als in einer Einrichtung für Behinderte.

Ein Beispiel: ein Mensch mit schwerer Schluckstörung und absaugpflichtigem Tracheostoma ist in einer Phase F-Einrichtung oder einer Intensivpflege-WG adäquater aufgehoben, zumal dort mit entsprechendem Personal die Entwöhnung von der Trachealkanüle besser vorangetrieben werden kann.

Ist dies erfolgt oder kein Thema, so kann eine Langzeitreha in einer Einrichtung der Eingliederungshilfe sinnvoll sein (in Berlin z.B. PAN, NAVIS , reweca).

Sobald es vorstellbar ist, in eigenen vier Wänden leben zu können, jedoch noch Ängste und Unsicherheiten vorherrschen, kann als Übergang eine ambulant betreute WG, ein Trainingswohnen und anschließend bei Bedarf ein Testwohnen in einer Übungswohnung zum Ziel führen.

Die eigene Wohnung kann dann mit Hilfe von (Assistenz-) Pflegediensten und bei Bedarf Betreutem Einzelwohnen umgesetzt werden.

Leider fehlt es im gesamten Bundesgebiet an ausreichend vielen Angeboten für diese spezielle Zielgruppe.

Menschen mit erworbenen Hirnschäden haben bis zum Ereignis eine ausgereifte Identität und eigene Biografie. Die Auswirkungen der Schäden sind extrem individuell, daher müssen die Betroffenen unbedingt eine differenzierte Förderung und Begleitung erhalten. Dies kann auf keinen Fall in einer Einrichtung für Menschen mit geistiger Behinderung oder gar in einem Altenheim ermöglicht werden.

Ausschlaggebend ist die Lebensqualität des Betroffenen bei der Einschätzung der eigenen Lebenszufriedenheit.

Entscheidend für die Lebensqualität ist aber – laut einer Studie- vor allem die Teilhabe am „normalen“ gesellschaftlichen Leben und Selbstbestimmung des Einzelnen.

Text ©2010, Sabine Schleppy, Dipl.-Pädagogin

 

Text © 2010, Sabine Schleppy, Dipl.-Pädagogin

Kontakt:
sabine.schleppy@tettricks.de