Erworbene Hirnschädigung stürzt Paare oft in die Armut

Nach einer Hirnschädigung bleiben häufig Einschränkungen zurück. Die Folgen sind unterschiedlich gravierend und belastend für den Betroffenen und sein Umfeld. Nicht umsonst wird ganz treffend von der „head-injured family“ (Brooks, 1991) gesprochen. Der Betroffene und auch seine Familie müssen sich an eine völlig neue Lebenssituation als Mensch mit Behinderung anpassen. Besonders problematisch ist es, wenn sich Verhalten und Wesen des Patienten verändert haben. Im Gegensatz zu Menschen, die bereits mit einer Einschränkung geboren wurden oder damit seit früher Kindheit leben, müssen Erwachsene eine völlig neue Identität entwickeln und das Selbstbild korrigieren.

Wer in dieser Situation über ein funktionierendes, unterstützendes soziales Netzwerk verfügt, ist auf Dauer in einer besseren Position. Das gilt insbesondere für eine stabile Partnerschaft. Beides ist nicht selbstverständlich.

Menschen mit Behinderung wollen selbstbestimmt leben und am sozialen und gesellschaftlichen Leben teilhaben, wie jeder andere auch. Dies sollte eigentlich seit Einführung des SGB IX und der Unterzeichnung der UN-Behindertenrechtskonvention sogar gesetzlich garantiert werden. Doch die Realität sieht häufig anders aus. Immer wieder sind große Kämpfe mit Kostenträgern auszufechten. Dies stellt eine zusätzliche große psychische Belastung dar.

Angebote wie beispielsweise persönliche Assistenz oder Betreutes Einzelwohnen sind Angebote, die Teilhabe und Selbstbestimmung des Menschen mit Behinderung zum Ziel haben. Beides trägt zur Teilhabe am Leben in der Gesellschaft und Wiedererlangung von Eigenständigkeit bei, da ein von der Familie bzw. vom Partner relativ unabhängiges eigenes Leben ermöglicht wird, das vor der Hirnschädigung ganz selbstverständlich vorhanden war.

Das Problem bei der Inanspruchnahme von solchen Angeboten ist, dass man sie bei vorhandenem Vermögen des Betroffenen und seines/seiner Partner/in selbst bezahlen muss, denn sie sind Leistungen der Sozialhilfe (Hilfe zur Pflege oder Eingliederungshilfe). Damit kommen zur ohnehin schwierigen Lebenssituation auch noch finanzielle Sorgen hinzu.

Fakten und Zahlen

Lediglich 4,7% aller Behinderungen sind angeboren (Quelle: www.bmfsfj.de). Das heißt einerseits, der Großteil aller Behinderungen wird im späteren Leben „erworben“. Das bedeutet andererseits, dass diese Menschen bisher eine Biografie als „nicht-behinderter“ Mensch hatten.

Entsprechend einschneidend ist das Erleben von Krankheit und Behinderung für die Betroffenen und deren Familien.

Die Zahlen des Bundesamt für Statistik sind beeindruckend: 5.546.519 Menschen waren 2005 aufgrund einer Krankheit behindert. Bei 82.560 Menschen war die Ursache ein Arbeitsunfall.

In der Literatur wird von ca. 200.000 Schlaganfällen pro Jahr ausgegangen, davon sind 3- 5 % unter 45 Jahre (ca. 10.000). Etwa 1 bis 1,5 Mio. leiden an den Folgen eines Schlaganfalls.

Hinzu kommen etwa 250.000 Schädelhirnverletzte pro Jahr, überwiegend junge Menschen zwischen 15 und 25 Jahren.

Plötzlich Sozialhilfeempfänger

Diese Zahlen zeigen vor allem eins: es trifft überwiegend Menschen, die bis zum Ereignis eine Beziehung führten, bereits eine Familie gegründet haben und einem Beruf nachgegangen sind.

Fakt ist, dass das Sozialhilfegesetz diese Fakten missachtet und gegen die gültige UN-Behindertenrechtskonvention verstößt. Das gilt besonders für steuerfinanzierte Leistungen, wie Hilfe zur Pflege und Eingliederungshilfe, denn beides sind, wie bereits erwähnt, Sozialhilfeleistungen und hier gelten strenge Voraussetzungen. Diese (Teilhabe-)Leistungen werden nur gewährt, wenn man sich vorher arm macht. Der Deal heißt „Teilhabe und Entlastung gegen Vermögen“. Und dies ist ein unfairer Deal, zumal es auch den/ die Partner/in trifft, der sich hiermit zugunsten der Selbstständigkeit des Betroffenen und ggf. der eigenen Berufstätigkeit, von der Betreuung und Pflege „freikaufen“ muss. Und dies zu einem hohen Preis. Die Alternative ist, den Job aufzugeben, die Betreuung alleine zu übernehmen und Alg II zu beantragen oder sich zu trennen.

Der Grund: Sozialhilfe erhält nur, wer als Paar seine finanziellen Reserven bis auf insgesamt 3200 € (als Einzelperson 2600 €) völlig aufgebraucht hat. Dies ist jedes Jahr aufs Neue durch die Vorlage sämtlicher Kontoauszüge nachzuweisen. Ob das Paar verheiratet ist oder nicht, spielt keine Rolle. Falls also zwecks Selbstbestimmung und Entlastung des Familien- und Paarsystems Leistungen vom Sozialamt beantragt werden, ist der Absturz in die Armut auf Dauer vorprogrammiert.

Wohlgemerkt: Es geht hier nicht um Leistungen zum Lebensunterhalt, sondern um Leistungen zum Ausgleich der Behinderung.

Zwar wurde den Sozialhilfeträgern per Gesetz bei Anrechnung des Eigenanteils und des Vermögens ein großzügiger Entscheidungsrahmen eingeräumt, der sich am Einzelfall zu orientieren hat, aber angesichts leerer Kassen wird dies nur noch selten bis gar nicht ausgeschöpft (eher im Gegenteil).

Man gewinnt den Eindruck, dass die Politik die Gründung oder Existenz einer eigenen Familie oder einer Partnerschaft bei Menschen mit Behinderung gar nicht vorgesehen hat. Ansonsten ist es nicht nachvollziehbar, warum betroffene Paare und ihre minderjährigen Kinder in Bezug auf Altersvorsorge und Schonvermögen finanziell schlechter gestellt werden, als Arbeitslosgengeld II- Empfänger („Hartz 4“).

Dazu kommt, dass der Betroffene und der Partner aufgrund von Verminderung oder Verlust der Arbeitskraft ohnehin mit finanziellen Einbußen belastet werden.

Wenn man bedenkt, dass der (oft auch pflegende) Partner einen großen Teil seines Lebens für den Betroffenen da ist (mit bekannten Folgen: Verlust von Freunden, Ende der Karriere, Isolation, verminderte Lebensqualität usw.), ist nicht nachvollziehbar, warum er/sie sein Vermögen komplett verliert und der Möglichkeit beraubt wird, ordentlich fürs Alter vorzusorgen, sich fortzubilden, zu reisen, ein Auto zu kaufen. Er/ sie darf ja nicht mehr als 600 Euro ansparen.

Immerhin ist es so, dass bei schwerster Pflegebedürftigkeit, vom Einkommen nur maximal 40 Prozent von der individuell zu berechnenden Einkommensgrenze eingesetzt werden muss. Damit ist, je nach Einkommen, zumindest für den alltäglichen Lebensunterhalt mehr oder weniger ausreichend gesorgt. Jedoch ist es nicht erlaubt, über die Grenze des Schonvermögens hinaus, etwas anzusparen.

Paaren, die sich erst nach der erworbenen Behinderung lieben lernen und gerne zusammenziehen und eine Familie gründen wollen, kann leider nur davon abgeraten werden, wenn Hilfe zur Pflege oder Eingliederungshilfe bezogen wird. Ansonsten verliert der (nicht-behinderte) Partner einen Teil seines Einkommens und seine komplette finanzielle Absicherung. Das gilt natürlich auch für den Fall einer Erbschaft, die dann in die Betreuung des Betroffenen gesteckt werden muss.

Man muss hier von massiver Diskriminierung sprechen, denn mit einem behinderten Partner möchte man unter solchen Umständen wohl kaum eine Familie gründen oder zusammenziehen.

Die Forderung der Politik, für die Pflege selbst vorzusorgen, ist in diesem Zusammenhang m.E. ebenfalls recht absurd. Denn, wer in seinem Berufsleben Immobilien und Vermögen erworben hat, hat dies bereits zur Genüge getan, denn im Falle des Falles muss alles für die Pflege und Betreuung eingesetzt werden.

Die Überlebensrate von schädelhirnverletzten Menschen steigt durch den ständigen Fortschritt der modernen Apparatemedizin. Immer mehr Menschen überleben mit schwersten Behinderungen. Die Kosten für die lebensrettenden Maßnahmen in der Intensivstation sind sehr hoch. Gleichzeitig verringert sich, aufgrund des Kostendrucks, die Verweildauer in den Rehabilitationskliniken seit Jahren drastisch. Zu bedenken ist, dass gerade junge Patienten noch Jahrzehnte in dem erreichten Zustand leben müssen. Neben den Familien, sind es vor allem die Sozialämter und somit die Kommunen, die die Folgekosten tragen müssen. Da diese immer weniger Geld zur Verfügung haben, geben sie den Kostendruck an die Betroffenen weiter und verweigern immer häufiger Leistungen, die den Betroffenen gesetzlich zustehen.

Wenn die Gesellschaft bereit ist, die Kosten für den medizinischen Fortschritt zu tragen, so müsste sie doch auch dafür Sorge tragen, dass schwerbehinderte „Überlebende“ und ihre Partner/innen ein würdevolles Leben führen können, das sich am Leben vor der Erkrankung orientiert. Hierzu gehört nach meiner Ansicht auch, dass man die Vermögensgrenze wenigstens für den pflegenden Partner drastisch anhebt, so wie es auch längst bei Eltern behinderter erwachsener Kinder gilt. Ansonsten ist er/ sie, trotz seiner Betreuungs- und Pflegeleistung, lebenslang im finanziellen Ausnahmezustand und im Alter weiterhin auf Sozialleistungen angewiesen. Ein Weg aus dieser Situation ist, bis auf die Trennung, ausgeschlossen.

Natürlich sollte auch für den Betroffenen die Einkommens- und Vermögensgrenze angehoben werden, denn es ist nicht nachvollziehbar, warum ein junger Mensch mit Behinderung im Erwerbsfähigenalter nicht, wie jeder andere Mensch auch, leben darf, wenn er Einkommen hat oder eine Erwerbsminderungsrente bezieht.

Wie war das? Leistung soll sich lohnen?


2016 © Sabine Schleppy & Georg Claus