Junge Behinderte - Abgeschoben ins Altersheim

© Frontal 21/ZDF 11.06.2013

"Junge Behinderte - Abgeschoben ins Altersheim
Rund 750.000 Pflegebedürftige werden in Deutschland stationär in Heimen betreut. Doch für jüngere Menschen gibt es in Deutschland viel zu wenig Pflegeheime, die eine Therapie und Reha-Maßnahmen anbieten. So werden sie fast immer in Altenheime abgeschoben. Die aber sind fast ausschließlich auf die Betreuung Hochbetagter spezialisiert." (Zitat von der you tube Seite)

***Anwalt: Pflege ist nicht gleich Pflege***

Menschen unter 60 Jahre hätten ein Anspruch auf junge Pflege, wenn sie bestimmte Kriterien der Hilfsbedürftigkeit erfüllen, sagt Sebastian Marberg, Fachanwalt für Pflegerecht

Auf dieser Seite:

Schlaganfall, Hirnblutung oder Hirnverletzung

Es kann jeden treffen. Durch eine Krankheit oder einen Unfall – meistens plötzlich und unerwartet.
Wenn es passiert, sind die Folgen für den Betroffenen und seine Angehörigen noch nicht im ganzen Ausmaß absehbar. Aber eins ist sehr schnell klar: Das gesamte bisherige Lebenskonzept muß neu definiert werden. Es gibt immer wieder Fälle der weitestgehenden oder gar kompletten Genesung. Aber selbst dann sieht man im Leben vieles anders.

Für den Betroffenen und seine Familie bringt die akute Situation große und immer wieder neue Probleme mit sich. Neue Lebenskonzepte und Ziele müssen entwickelt werden. Besonders, wenn der Betroffene zum Pflegefall geworden ist bzw. auf fremde Hilfe angewiesen ist, kommen bisherige Rollen, der Beteiligten ins Wanken.

Dies hat enorme Auswirkungen auf alle zwischenmenschlichen Beziehungen, wie Partnerschaft und Freundschaften. Das ist ein langer und steiniger Weg.

Besonders gegen Ende einer anschließenden Reha stellt sich die Frage, wie es nun weitergeht. Die Antwort auf die Frage wird um so schwieriger, desto schwerwiegender die Behinderung des Patienten ausfällt.

 

Plötzlich steht man vor einem riesigen Berg

Wie kann ein möglichst normales Leben aussehen? Wie ein vager Lebensentwurf? Wer bezahlt was? Was wird aus unserer Beziehung? Wie soll das alles gehen? Ins Pflegeheim oder Daheim? usw.
Es sind existentielle Entscheidungen zu treffen. Behörden- Dschungel und -Rennerei machen den Angehörigen das Leben auch nicht gerade leichter. Eigentlich hätte man ja ganz andere Probleme zu bewältigen. Die Erfahrungen, die viele Menschen dann machen sind nicht immer positiv. Angehörige und Betroffene sind da schnell überfordert und hilflos. Die Arroganz, Ignoranz und Unwissenheit einiger Staatsdiener ist zum Teil erschreckend. Auch bei einigen Mitarbeitern der Krankenkassen sieht es nicht besser aus (ich muß aber sagen: wir hatten diesbezüglich bisher sehr viel Glück!).

 

Holen Sie sich Hilfe!!

Nicht nur um die weiteren Schritte zu planen, sondern auch für Ihre Seele. Nahe Freunde und Verwandte können dies nicht auf Dauer leisten. Diese sind oft auch emotional zu sehr beteiligt und Ihr Dauerthema über Monate und Jahre belastet die Freundschaft.
Suchen Sie sich Selbsthilfevereine oder auch einen guten Psychologen, der/ die sich im Bereich der Krisenintervention auskennt.

Es geht hierbei nicht darum Kindheitstraumata aufzuarbeiten, sondern zu lernen mit der neuen Situation zurecht zukommen. Eine professionelle Hilfe durch einen Außenstehenden ist dabei sehr hilfreich!

Leider gibt es bisher nur wenig umfassende und miteinander vernetzte Unterstützungsangebote für die Betroffenen. Die Sozialpädagogen an den Kliniken können aufgrund ihres enormen Arbeitspensums kaum umfassende Unterstützung leisten. Sie werden in manchen Rehakliniken erst kurz vor der Entlassung involviert und informiert. Und: Nach der Entlassung aus der Reha sind sie nicht mehr zuständig. Eine längerfristige enge persönliche Betreuung/Begleitung „aus einer Hand“ wäre sehr wünschenswert.
Ich fände es wichtig, eine umfassende professionelle Begleitung (bzgl. Behörden, Kasse, Pflege etc.) bei Bedarf bereits von der Akutsituation im Krankenhaus, Reha bis hin zur Eingliederung in den Alltag zu Hause oder in eine geeignete Einrichtung zu etablieren. Aber bei leeren Kassen möglicher Geldgeber, ist dies bisher eher nur ein Wunschtraum. Somit bleibt den Angehörigen nur, sich die Hilfe und Beratung mühsam aus verschiedenen Angeboten zusammen zu suchen und -leider nur - eher zufällig zu finden.

Es gibt verschiedene kostenlose Ratgeber die zumindest einen kleinen Überblick über regionale Angebote bieten. Sie liegen in Bürgerämtern aus (zBsp. der Berliner Ratgeber für Menschen mit Behinderung [4.654 KB] oder sind auch zu bestellen. Fragen Sie hierzu z.B. beim ortsansässigen Berliner Landesamt für Soziales nach oder auch bei anderen behördlichen Anlaufstellen: wie den Behindertenbeauftragten oder Beratungsstelle für Behinderte (in Berlin angegliedert an das Gesundheitsamt).

 

Trotzdem: die Mühe lohnt sich!!

Auch Verbände und Organisationen können hier gute Adressen für Informationen sein:

Sozialverband Deutschland oder VDK bieten Beratungen & rechtliche Hilfen für Mitglieder an, ebenso helfen die Internetportale wie www.myhandicap.de oder das regionale Zentrum für Selbstbestimmtes Leben - ISL e.V. etc.
Zu Themen wie Pflege und Entlastungsangebote sind die neugegründeten Pflegestützpunkte gute Anlaufstellen. Fragen Sie auch bei den Sozialpädagogen in der Klinik nach nützlichen Adressen.

Wie erwähnt, sind auch Selbsthilfegruppen sind sehr nützlich und hilfreich. Dort hat man bereits umfassende Erfahrungen und man versteht Ihre Situation. Bei den Rechtstipps ist allerdings immer zu prüfen, ob der jeweilige Ratschlag für den eigenen Fall wirklich zutreffend und richtig ist!



 

Die Familie sollte an einem Strang ziehen

Auch wenn es oft reine Utopie ist: die Familie sollte an einem Strang ziehen und nicht gegeneinander arbeiten.
Es kommen immer wieder harte Zeiten. Eine stützende Familie ist da Gold wert. Auf Dauer ist es schwer die ganze Verantwortung alleine zu tragen.

Für Angehörige, die mit dem Betroffenen auf sich alleine gestellt sind, ist Hilfe von außen umso wichtiger! Denken Sie daran, Sie müssen nicht alles alleine machen. Geben Sie Arbeit ab! Schaffen Sie sich Freiräume, wenn Sie durchhalten wollen!

Nehmen Sie jede für Sie sinnvolle Hilfe an, die sich Ihnen anbietet! Seien sie nicht zu stolz!
Fragen Sie andere pflegende Angehörige welche Hilfsangebote es gibt und wie sie ihren Tag organisieren

 

Schließen Sie den Betroffenen keinesfalls aus!


Das Wichtigste ist, dass Entscheidungen möglichst gemeinsam getroffen werden. Dies gilt vor allem bei der Frage, wie und wo man leben möchte und wer ggf. die rechtliche Betreuung (Suchbegriff: Betreungsrecht) übernimmt. Beziehen Sie den Betroffenen – sofern es geht - unbedingt mit ein!!

Natürlich spielen bei der Entscheidung, wie das Leben nach der Entlassung aus der Reha weitergeht, viele Faktoren eine Rolle: Behinderungsart, Schwere der Behinderung, wer könnte die Pflege übernehmen, die Finanzierung etc..


 

Wer zahlt die Pflege?

Dank des SGB IX und der vergangenen Pflegereformen gilt: ambulant vor stationär. Sie haben also das Recht, in den eigenen vier Wänden gepflegt zu werden und leben zu dürfen!!
Bei einem vorliegenden Pflegegrad sind die Pflegekassen der Krankenkassen für die Pflegekosten zuständig. Dieses Pflegegeld, ist je nach Pflegestufe, begrenzt. Übersteigen die Pflegekosten dieses Pflegegeld ist das Sozialamt (SGB XII, Hilfe zur Pflege ) für die Kostenübernahme zuständig.

Achtung! Solange Sie als „Antragsteller“ verwertbares Vermögen (zBsp. als Paar über 3200,-- Euro) besitzen, übernimmt das Sozialamt keinerlei Kosten!
Lassen Sie sich unbedingt von unabhängigen Stellen (Sozialberatungsstellen von Caritas ,DRK , AWO , Verbraucherzentralen , VDK , Zentrum für Selbstbestimmtes Leben etc.) beraten.
Werden Leistungen bewilligt, so müssen –je nach Einkommen der sogen. „Bedarfsgemeinschaft“– ggf. die „Antragsteller“ einen Eigenanteil zur Pflege zahlen.
Wichtig (bei Leistungen vom Sozialamt): Wird die Pflege nicht ausschließlich durch „Profis“ durchgeführt, d.h. pflegen Sie den Angehörigen zeitweise selbst, so hat der Betroffene ggf. zusätzlich Anspruch auf Pflegegeld vom Sozialamt.

Übrigens: Sollte es sich um einen Unfall handeln sind die Unfallversicherungen oder die Berufsgenossenschaften zuständig.

 
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Besuchen Sie unbedingt auch die Seiten der Deutschen Vereinigung für Rehabilitation (DVfR). Insbesondere die Stellungnahme zum Thema Phase E als Brücke zur Inklusion.

 

Text © 2012, Sabine Schleppy, Dipl.-Pädagogin, (aktualisiert 2017)

Kontakt:
sabine.schleppy@tettricks.de