Ich möchte auf keinen Fall den Eindruck erwecken, mit der Einordnung dieses Artikels unter der Rubrik "Hilfsmittel" einen Begleithund als Hilfsmittel zu betrachten. In erster Linie sehe ich den Hund als treuen Weggefährten. Erst als praktischen Nebennutzen gibt es einige sehr nützliche Dinge, die der Begleithund für den Behinderten übernehmen kann. Es Bedarf einer guten Einarbeitung des Teams, bestehend aus dem Behinderten und dem Begleithund. Der Hund übernimmt dabei spielerisch die an ihn gerichteten Aufgaben.

Nur bestimmte Hunderassen eignen sich, um später zum Begleithund ausgebildet zu werden.

Nähere Informationen: www.hundefuerhandicaps.de/ , www.behindertenbegleithund.de , www.reichmirdiepfote.de

Das mit uns befreundete Ehepaar Martina und Jürgen Manthey hat uns freundlicherweise erlaubt den folgenden Artikel von Ihrer Homepage www.locked-in.info ebenfalls auf tettricks zu veröffentlichen:

Minou

Wie wir zu unserem Behindertenbegleithund kamen

Wir, dass sind mein Mann Jürgen (43 Jahre), Jessi unsere Beaglehündin (13 Jahre) und ich, Martina (44 Jahre). Seit August 2010 haben wir ein neues Familienmitglied: Minou, ein schwarzer Labrador Retriver (2 Jahre).

Seit nun mehr 6 Jahren lebt Jürgen mit seiner Behinderung und er hat sich ganz gut damit eingerichtet. Sein Umfeld ist technisch nahezu perfekt ausgestattet und somit eine größtmögliche Eigenständigkeit erreicht.

Vor einigen Jahren habe ich auf der Messe Reha Care zum ersten Mal einige Begleithunde direkt vor Augen gehabt. Ich war sehr neugierig, wollte gerne mehr darüber erfahren, da ich mich gedanklich schon einige Zeit damit auseinandergesetzt hatte. Aber Jürgen hatte kein Interesse, wollte nicht einmal in die Nähe der Hunde gehen. Er war halt davon überzeugt, dass so etwas für ihn nicht in Frage kommt, zu groß sind seine Einschränkungen.

Dazu kamen die Erfahrungen mit unserer Jessi... sie hat sich seit der Erkrankung von Jürgen abgewendet, hat Angst vor dem Rollstuhl und meidet seine Nähe. Obwohl wir alles Mögliche versucht haben dieses zu ändern. Das hat ihm sehr wehgetan.

 

Gut dachte ich, er muss es ja schließlich wollen und nicht ich. Der Gedanke hat mich aber trotzdem nicht losgelassen und so habe mich weiter erkundigt und schließlich mit einigen Vereinen in Verbindung gesetzt um mal zu hören, wie die Meinung dort so ist.

Parallel hat Jürgen eine junge Frau im Internet gefunden, die genauso eingeschränkt ist wie er und diese hat einen Behindertenbegleithund!!! Mit großem Interesse haben wir uns ihre Berichte angesehen und gelesen und versucht mit ihr in Kontakt zu treten. Leider war das von ihrer Seite nicht gewünscht, aber das Interesse an einem Hund war seither in Jürgen geweckt. Es war also vielleicht doch möglich!!

Es gibt mehrere Möglichkeiten, entweder einen Welpen zu nehmen und diesen mit Unterstützung von entsprechenden Trainern selber zu erziehen, oder einen fertig ausgebildeten Hund.... Einen Welpen zu nehmen reizt natürlich sehr, zumal die Bindung gleich von Anfang an gegeben ist. Aber man muss realistisch sein, es ist wahnsinnig viel Arbeit, so einen Hund selber zu erziehen und selbst mit Unterstützung von Trainern ein Aufwand, den wir nicht leisten konnten.

Also ein ,fertiger‘ Hund. Aber so ein ausgebildeter Hund kostet wahnsinnig viel Geld. Um die 20.000 Euro. Wer hat die denn schon mal so eben auf der Tasche?? Gut, wenn es für Jürgen gut ist und ihm viel bringt, nimmt man einen Kredit auf, sammelt Spenden oder versucht sonst wie daran zu kommen.... Aber es ist eine Riesenhürde und auch total ungerecht, wenn man bedenkt, das Blindenhunde von der KK finanziert werden... Assistenzhunde aber nicht.

Während ich mich weiterhin mehr oder weniger intensiv mit dem Thema auseinander gesetzt habe, hat Jürgen das ,Projekt Hund‘ erst einmal auf Eis gelegt, da die Kosten einfach zu hoch sind!

Ich dachte aber, da es eh mehrere Jahre dauern kann, bis man einen geeigneten Hund bekommt, fange ich doch einfach schon mal an mit der Vorarbeit.

Wie gesagt, habe ich mich mit einigen bekannten Ausbildern in Verbindung gesetzt, alle waren sehr vorsichtig da sie mit solch starken Einschränkungen wie bei Jürgen wenige Erfahrungen hatten. Dann bin ich auf die Kynos Stiftung gestoßen! Mit Frau Kolbe hat sich ein reger Kontakt entwickelt. Sie hat mir gleich gesagt, dass sie sich mit ihren Trainern beraten wird und das Ergebnis war positiv! Man war der Meinung, dass es durchaus möglich wäre einen Hund für Jürgen auszubilden!! Hurra!

Wir haben also entsprechende Formulare ausgefüllt und genau Aufgelistet, was wir von dem Hund erwarten würden. Hierbei waren wir durchaus realistisch. Schließlich sind wir keine Hundeanfänger!! Das wurde auch von den Trainern so gesehen, unserer Wünsche waren, bis auf ein, zwei Punkte umsetzbar!

Kaum ein halbes Jahr später bekamen wir die Nachricht, dass wahrscheinlich ein geeigneter Hund für uns zur Verfügung stehen würde. Wir konnten es kaum fassen. Hatten wir doch mit einer viel, viel längeren Wartezeit gerechnet. Schließlich werden diese Hunde ja nicht am Fließband produziert.

Ein schwarzer Labrador Retriver Rüde! Oh wie schön!!

Der Kontakt zu den Ausbildern wurde hergestellt. Es wurden Fotos ausgetauscht und E Mails geschrieben. Schließlich sollte ein erstes Treffen stattfinden um heraus zu finden, ob die Chemie zwischen Mensch und Hund passt. Aber ebenso ob die Trainer uns wirklich als geeignet ansehen würden. Leider liegt die Ausbildungsstätte nicht gerade bei uns um die Ecke. Es waren stolze 600 km zu überwinden um vor Ort zu gelangen. Gral Müritz ist ein Ort bei Warnemünde. Ein schönes Fleckchen Erde, auch sehr beliebt als Urlaubsort. Für das erste Treffen haben wir ein Hotel in Warnemünde ausgesucht, es ist nicht einfach eine geeignete Unterkunft zu finden... Bis zur Ausbildungsstation waren es mit dem Auto nur 20 Min.

Das Kennenlernen verlief super, wir haben uns alle gegenseitig beschnuppert :) Minou hat direkt einen Draht zu Jürgen gefunden und auch die Ausbilder Simone und Selina Haase gaben am letzten Tag ein Stück ihrer Zurückhaltung auf und äußerten sich positiv! Mit leichtem Herzen sind wir wieder nach Hause gefahren. Trotzdem waren wir soo froh, als die Nachricht von Frau Kolbe kam, dass alles ok ist. Wir hätten uns kaum noch einen anderen Hund als Minou vorstellen können.

Nun hieß es noch ein halbes Jahr warten, in dem Minou seinen letzten ,Feinschliff‘ erhalten sollte. Sprich: direkt noch mal auf die Bedürfnisse von Jürgen trainiert wurde. Wir standen weiterhin im regen Kontakt mit Familien Haase und es wurden Fotos ausgetauscht!

 

Dann war es endlich soweit. Wieder haben wir uns auf den Weg in den Osten gemacht, diesmal mit dem Wissen, wenn wir nach Hause fahren, ist Minou bei uns. Eine Woche lang haben wir noch intensiv gemeinsam trainiert. Alles hat wunderbar geklappt- wir waren glücklich.

Dann kam die schwere Stunde des Abschieds für Familie Haase. Wenn man nach zwei Jahren so intensiver Arbeit von einem Hund Abschied nehmen muss, ist das sehr sehr schwer. Wir waren alle traurig...

Minou hat es uns aber leicht gemacht! Er hat die lange Fahrt mit Bravour gemeistert und sich gleich sehr neugierig in seinem neuen Zuhause umgesehen. Ich hatte die Befürchtung, dass er vielleicht die ersten Nächte weinen würde und seine ,alte‘ Familie schrecklich vermissen würde. Aber er hat gleich sehr zufrieden bei Jürgen im Bett geschlafen und man hat den Eindruck gewonnen, dass er genau weiß, wo nun seine neuen Aufgaben liegen. Auch war spannend für uns, wie sich das Zusammenleben mit unserer Jessi gestalten würde. Aber auch hier gab es null Probleme. Minou hat gleich akzeptiert, dass die alte Dame ihre Ruhe haben möchte. Jeder hat seine festen Plätze und so gibt es keine Reibereien.

 

Nach Ca. 4 Wochen kam Familie Haase zu uns, um das Training vor Ort noch einmal zu intensivieren! Auch Minou‘s Ziehbruder Mailo und sein kleiner Nachfolger ein Golden Retriver Welpe waren dabei. Die Wiedersehensfreude war groß! Diesmal war der Abschied leichter, Familie Haase konnte sich überzeugen, dass Minou es sehr gut bei uns hat.

Nun ist er schon fast 5 Monate bei uns und er ist nicht mehr aus unserem Leben weg zu denken. Sicherlich verläuft nicht immer alles komplett Reibungslos. Bis ein wirkliches Team entsteht dauert ca. ein halbes Jahr. Außerdem ist es ein junger Hund, der sich auch noch ausprobiert und versucht herauszufinden was alles möglich ist! Zudem muss viel beachtet werden. Ich darf mich Minou nicht zu sehr zuwenden. Heißt keine Streicheleinheiten von mir, kein Futter oder Leckerchen von mir, nur die nötigste Ansprache. Hauptsächlich unterstützend tätig sein. Sonst würde die Gefahr bestehen, dass er sich mehr mir zuwendet, da Jürgen weder Stimme noch Gestik hat. Es ist hart, aber absolut notwendig!!

Wir können einfach nur jedem Empfehlen, sich für so ein Tier zu entscheiden! Es ist eine wunderbare Bereicherung und eine große Unterstützung!

Aber wie bereits erwähnt, ist die Ausbildung mit sehr viel Aufwand und hohen Kosten verbunden, die auch nur dadurch zu bewältigen ist weil es Leute wie Familie Haase gibt, die die Ausbildung ehrenamtlich ausführen! Also bitte zögern sie nicht an die Kynos Stiftung zu spenden, damit möglichst viele Bedürftige in den Genuss eines Behindertenbegleithundes kommen können!

Wir werden sicherlich noch weiter berichten! Bei Fragen keine Hemmungen und gerne Kontakt mit uns aufnehmen (info@locked-in.info) !!