(Autorin: Julia Erz , Rehabilitationspsychologin, B. Sc., © 2012 im Auftrag für tettricks)

Inhalt:

Hintergrund/Einleitung

Was ist ICF genau? Seit wann gibt es die ICF?

ICF
ist eine Abkürzung und steht für „International Classification of Functioning, Disability and Health“. Das weltweit akzeptierte Modell wurde von der WHO (= Weltgesundheitsorganisation) im Jahr 2001 eingeführt.

Die ICF ist ein Klassifikationssystem, welches einzuschätzen hilft was Menschen in Folge von Gesundheitsproblemen in ihrem Leben beeinträchtigt. Das Konzept der ICF stellt den Patienten anhand des bio-psycho-sozialen Modells in den Fokus. Das heißt, dass neben den körperlichen Faktoren der Erkrankung auch betrachtet wird, was genau den einzelnen Menschen daran hindert, den individuellen Alltag nach seinen Wünschen zu gestalten. Das können ganz verschiedene Faktoren sein, zum Beispiel das soziale Umfeld oder die Verkehrsanbindung. Mithilfe der ICF kann ebenfalls dokumentiert werden, ob Menschen in Folge von Erkrankungen an allen Aktivitäten teilhaben können, genauso wie Menschen ohne Beeinträchtigungen. Die Beurteilung mit der ICF kann aber auch die Grundlage sein, um einen individuellen Rehabilitationsprozess zu gestalten und dabei die persönlichen Wünsche und Ziele der Rehabilitanden in den Vordergrund zu stellen. Dem therapeutischen Team wird eine gemeinsame Sprache geboten, sodass der Betroffene im Idealfall von jeder in den Behandlungsprozess involvierte Berufsgruppe maximal profitieren kann und alle an einem Strang ziehen.

Der Zuspruch gegenüber der ICF wird zunehmen, denn ab Herbst 2012 müssen sich alle stationären Rehabilitationseinrichtungen einem Verfahren unterziehen, mit dessen Hilfe die Einhaltung bestimmter Anforderungen nachgewiesen wird. Nur so werden sie weiter finanziert und können in der Versorgung von Betroffenen und ihren Angehörigen weiter mitwirken. Um eine solche Zertifizierung zu erhalten, ist eine Vereinbarung nötig, welche den Baustein einer ICF-basierten, also auch teilhabeorientierten Ausrichtung beinhaltet.


Wie ist die ICF aufgebaut

Die ICF gliedert sich in folgende Bestandteile:

Gesundheitsproblem
Das Gesundheitsproblem bezeichnet die medizinische Diagnose (also eine Gesundheitsstörung oder eine Krankheit).

Körperfunktionen und –strukturen
Als Körperfunktion wird die physiologische Aufgabe von Körpersystemen betrachtet. Hierzu zählen auch die psychologischen Funktionen. Stimm-, Schmerz- und Sprechfunktionen sind an dieser Stelle als Veranschaulichung zu nennen.
Körperstrukturen sind die anatomischen Bestandteile des Körpers, also zum Beispiel Organe und Gliedmaßen.

Aktivitäten
Führt ein Mensch eine Handlung oder Aufgabe durch, so wird dies als Aktivität definiert.

Teilhabe, Partizipation
In der ICF steht vor allem die mögliche Einschränkung der Teilhabe (= Partizipation) als soziale Beeinträchtigung im Vordergrund. Diese kann sich in persönlichen, familiären oder gesellschaftlichen Konsequenzen zeigen. Partizipation stellt das Einbezogensein einer Person in eine Lebenssituation dar. Liegen Einschränkungen vor, so kann die betroffene Person zum Beispiel nicht an Veranstaltungen teilnehmen, die anderen Menschen frei zugänglich sind. Als Vergleich dient ein Mensch, bei welchem keine Behinderung vorliegt und welcher in der entsprechenden Gesellschaft oder Kultur beheimatet ist.

Kontextfaktoren
Die Kontextfaktoren lassen sich in zwei Bereiche einteilen.
Zum einen die Umweltfaktoren: Das sind alle Faktoren, die von außen Einfluss darauf nehmen, inwieweit eine Person das Leben nach seinen Vorstellungen gestalten kann. Als Beispiel sei an dieser Stelle eine mehr oder weniger barrierefrei gestaltete Umgebung genannt. Hilfsmittel werden ebenfalls unter den Aspekt der Umweltfaktoren eingeordnet.
Unter Kontextfaktoren fallen ebenfalls die persönlichen (auch: personenbezogenen) Faktoren, wie Alter, Geschlecht, Charakter, Lebensstil etc.
Die Kontextfaktoren können eine positive Auswirkung haben, dann werden sie als Förderfaktoren bezeichnet. Eine negative Wirkung ist jedoch nicht auszuschließen, sie werden als Barrieren angeführt.
Hierbei ist es wichtig hervorzuheben, welche besondere Bedeutung den Kontextfaktoren zukommt. Das Ausmaß, inwieweit eine Person durch Krankheits- oder Unfallfolgen das Leben gestalten kann und welche Ressourcen zur Verfügung stehen, hängt unmittelbar von den Kontextfaktoren ab. Das Individuum ist demnach nicht immer allein verantwortlich für das erreicht Maß der Funktionsfähigkeit. Die Wichtigkeit der Thematisierung von Kontextfaktoren im Behandlungsprozess ist deshalb nicht zu unterschätzen.

ICF in der Praxis

Welche Vorteile bietet die ICF?

Das Therapeutenteam bekommt einen ganzheitlichen Blick auf den Betroffenen und seine Angehörigen. Es wird nicht nur das Gesundheitsproblem im medizinischen Sinne betrachtet, sondern auch die Funktionsfähigkeit und die vielfältigen Wirkungen zwischen dem Betroffenen und seiner Umgebung. Somit ist eine Verknüpfung der medizinischen Angelegenheiten mit dem Alltag des Betroffenen möglich.
Durch die Verwendung der ICF ist es auch möglich, Ressourcen und Probleme gewinnbringender für den Betroffenen und das Therapeutenteam zu erfassen. Somit orientiert sich die ICF nicht nur an den Einschränkungen, sondern auch an den Möglichkeiten des jeweiligen Betroffenen.
Ebenfalls ermöglicht der Einsatz der ICF eine bessere Überprüfung, inwieweit Ziele erreicht wurden. Zudem findet innerhalb des therapeutischen Teams ein intensiverer Austausch statt, da jede Berufsgruppe in die Anwendung der ICF einbezogen ist.

 

Inwieweit ist die ICF verbindlich...

für meine Therapeuten bzw. sollte man sie darauf ansprechen?

Das Ziel der ICF ist definiert durch die aktive und selbstbestimmte Teilhabe einer erkrankten Person am familiären, beruflichen und gesellschaftlichen Leben. Da die ICF dieses Jahr für die stationären Rehabilitationseinrichtungen und ihre Vertragspartner verbindlich wird, ist es absehbar, dass die Relevanz der ICF in den Institutionen zunehmen wird.
Die neurologische Therapie ist nicht nur auf das Training funktioneller Defizite begrenzt. Ende der 70er Jahren waren die Interventionsansätze noch stark am wiederholten Durchführen von Übungen orientiert. Emotionale und soziale Probleme einer neurologischen Störung standen dagegen weit im Hintergrund. Das aktuelle, moderne Rehabilitationsverständnis ist jedoch sehr viel weiter gefasst und sieht mittlerweile nicht nur Übungen zur Wiederherstellung (= Restitution) von Funktionen vor. Es umfasst ebenfalls den Ausgleich der Funktion (= Kompensation), hierbei werden Störungen durch noch vorhandene Fertigkeiten ausgeglichen. Die Klienten sollen hierfür im Rahmen von Therapien auch lernen, ihre eigenen Ressourcen und intakt gebliebenen Systeme wahrzunehmen. Die Kompensation und die Einflussnahme auf Kontextfaktoren sind gute Hilfsmittel, um dem Klienten eine Teilhabe am sozialen Leben zu ermöglichen. Der Betroffene sollte sein therapeutisches Team auf die ICF ansprechen und aktiv um Unterstützung bei der Gestaltung von Kontextfaktoren bitten. Dies kann zum Beispiel mittels Angehörigenarbeit geschehen. Die Angehörigen sind in ihren Bedürfnissen und ihrem Befinden oft nicht sichtbar in die neurologische Rehabilitation eingebunden, obwohl ein Unterstützungsbedarf besteht. Fühlen sich die Angehörigen gestärkt, so können diese auch mit dem Betroffenen selbst einen besseren Umgang pflegen. Auch für die eigene psychische Stärkung in der Auseinandersetzung mit der Lebenssituation (personbezogene Kontextfaktoren) können integrierte Verfahren aus der Psychologie genutzt und gewinnbringend in der Rehabilitation angewendet werden. Die Modelle stammen aus anderen Therapieverfahren, wie beispielsweise der verhaltenstherapeutischen Behandlung. Psychische Folgestörungen wie Depressionen können beispielsweise durch den frühzeitigen Einsatz integrativer Verfahren verhindert werden. Insgesamt geht es in einer ICF-orientierten Neuro-Rehabilitation also um die Anwendung der drei Säulen Kompensation, Restitution und integrativer Verfahren.
Durch das Ansprechen der Therapeuten auf die ICF kann explizit eine interdisziplinäre Zusammenarbeit eingefordert und angeregt werden. Von den TherapeutInnen erfordert diese ein hohes Maß an Offenheit und die Bereitschaft, sich auch mit „fachfremden“ Themengebieten auseinanderzusetzen.
Die Ausführungen haben gezeigt, dass das moderne Rehabilitationsverständnis sehr weit gefasst ist. Um dieses (Kompensation, Restitution, integrierte Verfahren) entsprechend umsetzen zu können, kann die ICF als wichtiges Instrument dienen. Zusammenfassend wird somit empfohlen das therapeutische Team auf die ICF anzusprechen.


Literatur:
-
Fries, W., Lössl, H. & Wagenhäuser, S. (Hrsg.) (2007). Teilhaben! Neue Konzepte der NeuroRehabilitation – für eine erfolgreiche Rückkehr in Alltag und Beruf. Stuttgart: Thieme.
- Lösslein, H. & Frommelt, P. (Hrsg.) (2010).
Neuro-Rehabilitation. Ein Praxisbuch für interdisziplinäre Teams (3. Aufl.). Heidelberg: Springer.
- Morfeld, M., Mau, W., Jäckel, W. H., & Koch, U. (2007).
Querschnitt Rehabilitation, Physikalische Medizin und Naturheilverfahren: Ein fallorientiertes Lehrbuch (1. Aufl.). München: Elsevier Urban & Fischer.
- Schuntermann, M. F. (2009).
Einführung in die ICF: Grundkurs, Übungen, offene Fragen (3., überarb. Aufl.). Heidelberg: ecomed Medizin.
- Wendel, C., Heel, S., Lucius-Hoene, G. & Fries, W. (Hrsg.) (2005).
Zukunftswerkstatt Klinische Neuropsychologie: Therapeutische Verortungen und Visionen. Regensburg: Roderer.


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(Autorin: Julia Erz , Rehabilitationspsychologin, B. Sc., © 2012 im Auftrag für tettricks)

 

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