Wer ist wer?

Die Verwirrung in den Berufen rund um das Gehirn und die Seele

Ein Blick zurück

Die Berufe, die sich heute mit dem Gehirn und mit der Seele beschäftigen, sind erst im 20. Jahrhundert als eigenständige Berufe entstanden. Noch im 19. Jahrhundert kannte man weder einen Neurologen noch einen Psychiater. Über viele Jahrhunderte kannte man nur zwei Formen von Ärzten: Die einen, die heilen, in dem sie Arzneimittel verordnen, die Krankheitsursache herausfinden und die sich Gedanken über die Zusammensetzung der Körpersäfte machten. Das waren die eigentlichen Ärzte. Die zweite Gruppe waren die Chirurgen, die lange Zeit den Barbieren näherstanden als den Ärzten.

Mit der Erforschung des Gehirns entwickelten sich neue Berufe. Zunächst war es der Neurologe, der sich mit der Erkrankung des Gehirns, der Nerven außerhalb des Gehirns und Rückenmarks und mit den Muskeln beschäftigte. Allerdings gab es den Neurologen nicht wie heute in Reinform, meist war der Neurologe zugleich Psychiater. Bis heute versteht man unter dem Nervenarzt einen Arzt, der sowohl in der Neurologie als auch in der Psychiatrie eine Fachausbildung hat. Während sich der Neurologe mehr mit den organischen, also körperlich begründeten Erkrankungen des Menschen beschäftigt, liegt das Aufgabengebiet des Psychiaters mehr darin, seelische Erkrankungen zu erkennen und zu behandeln. Allerdings ist dabei zu bedenken, dass psychische Erkrankungen auch körperliche Ursachen haben können.

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Emil Kraepelin

(1856-1926)

Die Entwicklung der Psychiatrie als eigenständiges Fach geht besonders auf den Psychiater Emil Kraepelin zurück, der als erster zu Beginn des 20. Jahrhunderts eine Systematik der psychischen Erkrankungen aufstellte. Berühmte Neurologen zu Beginn des 20. Jahrhunderts waren in Deutschland Alois Alzheimer, Kurt Goldstein oder Otfrid Foerster.

In der Zeit zwischen 1900 und 1993 gab es eine Blütezeit der Neurologie und Psychiatrie in Deutschland. Ein wichtiges Thema in dieser Zeit war auch die Nachbehandlung von hirnverletzten Soldaten des 1. Weltkrieges. Kurt Goldstein und sein Mitarbeiter Adhémar Gelb waren die Begründer der neurologischen Rehabilitation von hirnverletzten Personen. Sie gründeten im ersten Weltkrieg in Frankfurt/M. das erste Lazarett für hirnverletzte Soldaten.



In dieser ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts entstanden auch zwei weitere Berufsgruppen, von denen sich die eine mit dem Seelenleben und die andere mit den Operationen am Gehirn beschäftigten. Es entwickelte sich die Berufsgruppe der Psychologen, die keine ärztliche Ausbildung hatten, sondern an psychologischen und an philosophischen Instituten der Universitäten ausgebildet wurden. In den Universitäten gab es damals die ersten Lehrstühle für Psychologie, die weltweit führend waren.

 

Schon Ende des 19. Jahrhunderts wurden erste Operationen am menschlichen Gehirn durchgeführt. Es zeigte sich, dass für Operationen am Gehirn eine besondere Geschicklichkeit und vor allem auch sehr genaue Kenntnisse der Neuroanatomie erforderlich sind. So entstand die Berufsgruppe der Neurochirurgen, die schon in den 20er und 30er Jahren große Operationen zur Entfernung von Hirn- oder Rückenmarkstumoren vornahmen. Man muss bedenken, dass damals die Möglichkeiten der Bildgebung des Gehirns sehr beschränkt waren. Man kannte zwar die Röntgenaufnahmen des Schädels, jedoch hatte man nicht die Möglichkeit, die Lage und die Ausdehnung des Tumors festzustellen. Heute besitzen wir auch dafür eine spezielle Gruppe von Fachärzten, die Neuroradiologen. Das sind Spezialisten für die Bildgebung des Gehirns und des Rückenmarks.

Wir haben in diesem kurzen Rückblick noch eine Berufsgruppe nicht erwähnt, die Psychotherapeutinnen und Psychotherapeuten. Ihr Vater ist Sigmund Freud, der eine besondere Form der seelischen Behandlung, die Psychoanalyse, entwickelt hat. Freud selber war ein sehr anerkannter Neurologe, der sich Ende des 19. Jahrhunderts daran machte, die Architektur der Seele zu untersuchen. In der Nachfolge von Freud entwickelten sich sehr viele unterschiedliche Richtungen in der Psychotherapie. Allen ist gemeinsam, dass sie mit Verfahren des Gespräches, aber auch der Hypnose und mit speziellen Verhaltenstechniken, unerwünschtes Verhalten, störende Gedanken, Depressionen und Ängste versuchen zu überwinden. Ihre Aufgabe ist also die Behandlung von psychischen Störungen, sei es aufgrund privater Konflikte, sei es aufgrund lebensgeschichtlicher Entwicklungen, oder sei es auch nach schweren Erkrankungen.

 

Heutige Berufsgruppen

Die folgende Tabelle fasst noch einmal die heute tätigen Berufsgruppen mit ihren Arbeitsfeldern zusammen.


 
Berufsgruppe Ausbildung Tätigkeitsbereich
Neurologe Facharztausbildung Diagnostik und Behandlung von Erkrankungen des Gehirns, des Rückenmarks, der peripheren Nerven und der Muskeln
Psychiater Facharztausbildung Behandlung von seelischen Erkrankungen, dazu gehören Erkrankungen wie Schizophrenie, Depressionen, Zwangsstörungen, Angsterkrankungen
Psychotherapeut Entweder ärztliche oder psychologische Universitätsausbildung, Psychotherapieausbildung beginnt nach Abschluss des Examens
Sie heißen daher entweder psychologischer oder ärztlicher Psychotherapeut.
Medikamentöse Behandlung von psychischen Störungen, Behandlung von psychischen Störungen, die nach belastenden Lebensereignissen auftreten, die durch Verletzungen in der Kindheit beruhen oder von Partnerschaftskonflikten. Die Psychotherapeuten arbeiten mit verschiedenen Techniken, dazu gehören die Psychoanalyse, die Verhaltenstherapie, die kognitiv-behaviorale Therapie und u.a.
Nervenarzt Fachärztliche Doppelqualifikation in Neurologie und Psychiatrie Gesamtgebiet der Neurologie und Psychiatrie, Schwerpunkt häufig auf den Grenzgebieten zwischen beiden Gebieten, so z.B. auf den Folgen von schweren Hirnverletzungen
Neurochirurg Facharztausbildung Operative Behandlung von Tumoren, Fehlbildungen des zentralen Nervensystems, Operationen von Einengungen peripherer Nerven, Operationen von Bandscheibenvorfällen mit Einklemmung von Nervenwurzeln
Neuroradiologe Schwerpunkt nach der Facharztausbildung zum Radiologen Diagnostik von Erkrankungen des Gehirns, des Rückenmarks, der peripheren Nerven und der Muskeln, nicht-operative Behandlung von Gefäßmissbildungen oder Gefäßeinengungen, so genannte interventionelle Neuroradiologie
Facharzt für Psychosomatische Medizin und Psychotherapie Facharztausbildung Therapie von Erkrankungen, die ursprünglich körperlicher Art waren oder Erkrankungen, die sich körperlich äußern, aber seelischer Ursache sind
Neuropsychologe Voll abgeschlossene Universitätsausbildung in Psychologie mit anschließender Zusatzausbildung in der Neuropsychologie Diagnostik und Behandlung von seelischen und mentalen Störungen nach Erkrankungen des Gehirns, z.B. Hirnverletzung, Schlaganfall, entzündliche Erkrankungen des zentralen Nervensystems
Kinder- und Jugendpsychiater Facharztausbildung Die Kinder- und Jugendpsychiater sind Psychiater mit Spezialisierung auf Kinder und Jugendliche bis etwa zum 18. Lebensjahr. Behandlung von jungen Menschen mit so genannten Borderline-Störungen, Essstörungen, Aufmerksamkeitsstörungen (ADHS), sowie Lern- und Schulschwierigkeiten
Schulpsychologe Nach Ländern unterschiedlich, oft sind es Lehrer, die eine psychologische Zusatzausbildung absolviert haben und nicht von der Ausbildung Psychologen sind Beratung von Schülern und ihren Eltern bei Lernschwierigkeiten und Verhaltensproblemen

Während der Name des Diplom-Psychologen und die anderen in der Tabelle genannten Berufsgruppen gesetzlich als Namen geführt sind, ist die Bezeichnung „Psychologe“ nicht geschützt. Jeder kann sich als Psychologe bezeichnen, so dass man bei der Suche nach einem Psychologen darauf achten sollte, ob es sich um einen an der Universität ausgebildeten Psychologen handelt, der dann als Diplom-Psychologe oder Master gekennzeichnet ist. Der frühere Abschluss des Diploms entspricht heute dem Abschluss als Master.

Wie finde ich einen guten Arzt, Psychologen?

Hierfür gibt es keine Regel und es gibt auch keine Listen, in denen bei den Ärztekammern die Spezialisten für bestimmte Erkrankungen hinterlegt sind. Auch die beliebten Bewertungsportale der Ärzte und Psychologen im Internet haben ihre Tücken. Nur in wenigen großen Städten gibt es Beratungsstellen für Personen, die einen Schlaganfall erlitten haben oder eine Hirnverletzung, die kann man um Rat fragen.

Es ist für einen Laien sehr schwierig, die fachliche Kompetenz eines Arztes oder eines Psychologen abzuschätzen. Was jemand als Patient spüren kann, ist die Fähigkeit des Gegenübers zuzuhören, dem Patienten das Gefühl zu vermitteln, erst genommen zu werden und den Patienten in die Behandlung einzubeziehen. Bei einem Arzt, der aufmerksam zuhört, liegt man zunächst nicht falsch. Auf der anderen Seite sollte man sich als Patient nicht scheuen, wenn das Bauchgefühl nicht stimmt, den Arzt oder Psychologen zu wechseln.

verfasst für tettricks, © 2012:
Dr. med. Peter Frommelt
Facharzt für Neurologie und Psychiatrie, Psychotherapie
Facharzt für Physikalische und Rehabilitative Medizin
Privatpraxis
Neurologische Rehabilitation - Psychotherapie - Neuropsychologie

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